Kulturwerkstatt
Offene Kinder - und Jugendarbeit
Auch wenn 2025 der Um- bzw. Neubau der Kulturwerkstatt im Vordergrund stand, so war die offene Kinder- und Jugendarbeit im vergangenen Jahr dennoch erneut geprägt von einem hohen Maß an Engagement, Kreativität und Gemeinschaftssinn. Zahlreiche Kinder und Jugendliche brachten sich mit viel Begeisterung in unterschiedliche große und kleine Projekte ein und präsentierten ihre Arbeit immer wieder öffentlich. Dabei standen neben der künstlerischen und kulturellen Bildung auch das gemeinsame Erleben, Mitgestalten und das Übernehmen von Verantwortung im Mittelpunkt.
Ein besonderer Höhepunkt war die Tänzelfesteröffnung, die unter dem Thema „Stadtbrand“ stand. Hier zeigten alle Beteiligten, wie vielfältig und lebendig eine Zusammenarbeit mit so vielen verschiedenen Gruppen sein kann. Die Jugendlichen der Kulturwerkstatt führten die vielen Gruppen spielerisch durch den Abend. Mit dabei waren diesmal Jugendliche unserer Partnerstädte: die Seilhüpfer aus Szombathely (Ungarn), die Fahnenschwinger aus Ferrara (Italien), sowie die Trachtenjugend "D`Wertachtaler Kaufbeuren", die Tänzelfestkinder der Gerber und Brauer, der Chor der Marienschule und die kleinen Fußballer des BSK Neugablonz. Auch im Herbst wurde deutlich, wie wichtig den Kindern und Jugendlichen das gemeinsame Erleben und die kreative Gestaltung ist.
Beim Altstadtfunkeln 2025 setzte die Kulturwerkstatt bewusst ein Zeichen gegen Konsumorientierung und für ein Gemeinschaftserlebnis. Mit selbstgebauten Lichtobjekten zogen alle KW-Mitglieder von klein bis groß in einem stimmungsvollen Lichterumzug durch die Innenstadt. Gemeinsam wird man sichtbar! Natürlich darf man hier nicht vergessen, dass auch die vielen kleinen Aktionen, die Kulturwerkstatt in der Öffentlichkeit sichtbar machen.

Lichterumzug beim Altstadtfunkeln (Foto: Christoph Jorda)
Umbau
Der Umbau bzw. Neubau der Kulturwerkstatt schritt 2025 zügig voran. Auf einer Nutzfläche von insgesamt 865 Quadratmetern entsteht eine moderne Kulturwerkstatt mit deutlich verbesserten Möglichkeiten für die kulturelle und theaterpädagogische Arbeit. Herzstück des Neubaus wird ein professionell ausgestatteter Theatersaal sein, der mit zeitgemäßer Bühnen- und Veranstaltungstechnik neue Perspektiven für Theater, Veranstaltungen und Projekte eröffnet. Ergänzt wird das Raumkonzept durch separate Probenräume, die insbesondere der theaterpädagogischen Gruppenarbeit optimale Bedingungen bieten. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist der neue Inklusionsbetrieb der Lebenshilfe Ostallgäu im Eingangsbereich. Hier werden künftig Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam arbeiten und den offenen Charakter der Kulturwerkstatt stärken. Nach den baulichen Fortschritten lag der Fokus auf der Fertigstellung des Projekts. Dabei spielten neben den Bauarbeiten vor allem organisatorische Aufgaben eine zentrale Rolle. Das Team der KW war intensiv in Planungen, Abstimmungen und zahlreichen Besprechungen eingebunden. Gemeinsam mit dem Architekturbüro Stadtmüller Burkhardt Graf, insbesondere mit unserem zuständigen Architekten Jonas Hahn, wurden Details zur Ausstattung, Nutzung und Einrichtung abgestimmt. Parallel dazu wurde der Rückzug aus der Interimsspielstätte vorbereitet, Helferinnen und Helfer organisiert sowie logistische Abläufe geplant. Die Umsetzung wird durch die Fördermittel aus den Programmen "Soziale Integration im Quartier" und "Lebendige Zentren" sowie durch die Unterstützung der Antonie Zauner Stiftung ermöglicht. Ein kleiner weiterer Anteil wird von der Stadt Kaufbeuren getragen. Ziel ist es, die Bau- und Planungsarbeiten erfolgreich abzuschließen, um die Fördermittel fristgerecht abzurechnen und wir im Frühjahr 2026 wieder in die neue KW zurückziehen konnten. So entsteht ein zukunftsfähiger Ort für kulturelle Bildung, Begegnung und gelebte Inklusion.

Der neue Theatersaal der Kulturwerkstatt
Gruppenarbeit
Die Gruppenarbeit der Kulturwerkstatt bildet das Herzstück der theaterpädagogischen Arbeit. Insgesamt elf Gruppen treffen sich regelmäßig zu ihren wöchentlichen Gruppenstunden. Die Kinder und Jugendlichen sind alle im Alter zwischen 6 und ca.20 Jahren. Ergänzt wird das Angebot durch eine Inklusionsgruppe, die Gauklergruppe Compania Gioccolari, unser langjähriges Erwachsenenensemble und eine noch neugebildete Gruppe von jungen Erwachsenen, die bereits als Kinder/Jugendliche Mitglieder der Kulturwerkstatt waren.
Besonders lustig sind die von den Gruppen selbst gewählten Gruppennamen, z.B. Purzelpetersilien, starke Erdbären, gewaschen Paprika oder gewürzte Fantoffeln.
Die theaterpädagogische Gruppenarbeit bietet unseren Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum, in dem sie sich ausprobieren, entwickeln und gemeinsam kreativ sein können. Wichtig für eine gute theaterpädagogische Gruppenarbeit ist eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der sich alle gesehen und erst genommen fühlen. Durch gemeinsames Improvisieren, Rollenarbeit und das Entwickeln von Szenen lernen Kinder und Jugendliche, ihre Gefühle auszudrücken, selbstbewusster aufzutreten und ihre eigenen Ideen einzubringen. Gleichzeitig stärkt die Gruppenarbeit Teamfähigkeit, Rücksichtnahme und Verantwortungsbewusstsein, da Theater immer ein gemeinsamer Prozess ist. Es werden in den Gruppenstunden die Grundlagen des Theaterspiels vermittelt und vertieft, verschiedene Spielformen aufgezeigt, sowie Übungen zur Sprach- und Stimmbildung durchgeführt und Körperarbeit ausprobiert. Das regelmäßige Proben, die Intensivprobenphasen, das gemeinsame Arbeiten an einem Ziel und das Erleben von Aufführung fördern Ausdauer, Konzentration uns Selbstvertrauen. Theaterpädagogische Gruppenarbeit unterstützt somit nicht nur kreative Fähigkeiten, sondern tragen wesentlich zur Persönlichkeitsentwicklung bei.

Kinder in der Gruppenstunde
Der standhafte Zinnsoldat
Mit einem besonderen Stück verabschiedet sich Martina Quante als erste Mitarbeiterin der KW in den Ruhestand. Sie hat das Haus geprägt, mitgestaltet und mit Leben gefüllt. Wir verabschiedeten sie auf die Weise, die ihr am meisten entspricht: mit Theater, Fantasie und einem Hauch Magie.
Gemeinsam mit Jannis Konrad brachte sie das Repertoirestück " Der standhafte Zinnsoldat" mit Herrn Licht und Frau Schatten auf die Bühne. Mit großer Liebe zum Detail entstand eine fantasievolle Inszenierung, die das Publikum von der ersten Minute an in ihren Bann zog. Licht und Schatten wurden zu eigenständigen Figuren, erzählten die Geschichte, tanzten miteinander und ließen Bilder entstehen, die zugleich zart, poetisch und überraschend kraftvoll wirkten. Besonders die Schattenbilder sorgten für staunende Gesichter. Mit einfachen Mitteln entwickelten sich ganze Welten - ganze Szenen. Es gelang den beiden Darstellern, ihr Publikum in eine märchenhafte Atmosphäre zu entführen. Das Zusammenspiel von Frau Schatten und Herrn Licht verlieh der Geschichte von Hans Christian Andersen eine neue Tiefe und machte das Stück zu einem besonderen Erlebnis. Wir hoffen es auch bald auf der neuen Bühne wieder sehen zu dürfen.
Auch wenn uns Martina Quante uns nach über 18 Jahren als Mitarbeiterin der KW verlassen hat, so bleibt sie uns doch weiterhin als Spielerin erhalten.

Martina Quante als Frau Schatten „Der standhafte Zinnsoldat“ (Foto: Christoph Jorda)
Tschick
Gerade als letzte Produktion in der Interimsspielstätte Gablonzer Haus erhält "Tschick" eine zusätzliche Bedeutung. Denn der preisgekrönte Jugendroman von Wolfgang Herrndorf steht symbolisch für Abschied und Neubeginn.
Viele Wochen der Auseinandersetzung mit dem Text, des Probens, die Weiterentwicklung der Rollen, des Zusammenwachsens des Ensembles und des sich persönlich Weiterentwickelns lagen dann am 15. März 2025 hinter uns. Die Jugendlichen der Kulturwerkstatt brachten bei den Aufführungen nicht nur die Energie eines Roadmovies auf die Bühne, sondern auch die unmittelbare Authentizität ihrer eigenen Perspektiven und irrsinnig viel Gefühl. Das tolle Zusammenspiel und der respektvolle Umgang zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen war bei dieser Inszenierung besonders spürbar.
Auch die Redaktion der Allgäuer Zeitung hob die besondere Wirkung hervor: Die jungen Darstellerinnen und Darsteller überzeugten mit ein lebendigen, frechen und zugleich tiefgründigen Inszenierung. Mit reduziertem Bühnenbild, aber viel dramaturgischer Finesse gelang es dem Ensemble, die Zerrissenheit des Erwachsenwerdens eindrucksvoll darzustellen und das Publikum zu begeistern.
So wurde "Tschick" zu einem stimmungsvollen Abschluss im Gablonzer Haus - ein Theaterabend voller Humor, Tiefe und Abenteuerlust, der den Übergang in eine neue Spielzeit, einen neuen Ort, ein neues zuhause einläutete.

Roadmovie „Tschick“ (Foto: Christoph Jorda)
Das Tänzelfest 2025
Die Zusammenarbeit zwischen der Kulturwerkstatt und dem Tänzelfestverein Kaufbeuren ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der gemeinsamen kulturellen Arbeit für die Stadt. Neben der Tänzelfesteröffnung übernimmt die Kulturwerkstatt auch zahlreiche weitere Aufgaben rund um das historische Kinderfest.
Dazu gehören insbesondere die großen Sprech- und Spielrollen vor dem Rathaus. Die Darstellerinnen und Darsteller von Kaiser Maximilian, Kunz von der Rosen, Bürgermeister, Kanzler, Ratsherren, Kaiserin, Herzogin und Hofdamen werden intensiv vorbereitet. Viele Einzel-, Gesamt- sowie Stellproben sind hierfür notwendig, um einen reibungslosen Ablauf und eine überzeugende Darstellung zu gewährleisten. Es ist eine besondere Ehre, diese historischen Figuren darstellen zu dürfen, aber es ist auch ein enormer Druck. Wenn alle Kirchenglocken der Stadt läuten, während man mit dem Pferd vor das Rathaus zieht, der Bürgermeister einen am Rathaus empfängt und dazu alle Zuschauenden auf den Sitztribünen aufstehen, dann hüpft einem schon das Herz dann bis zum Hals. Hier wird klar, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist. Ebenso wird die Rolle des Zunftmeisters einstudiert, der den Häfelesmarkt des Tänzelfestes eröffnet. Ein weiterer Bestandteil der Zusammenarbeit ist die jährlich neu entwickelte Spielszene beim OB Empfang für all die geladenen Gäste. Auch diese wird gemeinsam erarbeitet, einstudiert und an das jeweilige Jahresthema angepasst.
Auch unsere Gauklergruppe „Compania Gioccolari“ ist ein wichtiger Schwerpunkt der gesamten Tänzelfesttage. Seit Jahren präsentieren sie die Feuershow vor dem Rathaus während des historischen Lagerlebens und haben in dieser Zeit auch ihr eigenes Lager im Spitalhof. Selbstverständlich dürfen auch die Aufführungen der Stadtgeschichten mit Frau Maierhof und Herrn Wiedemann im Geschichtenladen nicht fehlen.

Spielszene beim OB Empfang im alten Sitzungssaal „Thema Stadtbrand“
Tribunal
Mit dem Theaterstück „Tribunal" brachte die Oberstufe der Kulturwerkstatt ein beklemmendes und aktuelles Zukunftsszenario auf die Bühne. Das Stück von Dawn King, in der deutschen Fassung von Henning Bochard, feierte am 27. September 2025 Premiere und entfaltete unter der Regie von Thomas Garmatsch und Jannis Konrad eine eindringliche Wirkung. Die Handlung zeigt eine Gesellschaft im Ausnahmezustand: Vor einem gnadenlosen Gericht müssen Angeklagte beweisen, dass sie für das Überleben der Gemeinschaft nützlich sind. Wer scheitert, verschwindet für immer. Wahrheit und Lüge, Opfer und Täter - die Grenzen verschwimmen. Das Publikum wird unweigerlich mit der Frage konfrontiert: Welches Urteil würden Sie fällen?
Besonders beeindruckend war die schauspielerische Leistung der Jugendlichen und Erwachsenen. Mit großer Intensität, emotionaler Tiefe und bemerkenswerter Authentizität haben sie die Figuren zum Leben erweckt. Deren Angst, Verzweiflung, Hoffnung und moralische Konflikte wurden spürbar. Die Darstellerinnen und Darsteller überzeugten durch ihre Präsenz und ihr sensibles Zusammenspiel. Dadurch wuchs die beklemmende Atmosphäre stetig.
Verstärkt wurde diese Wirkung durch die außergewöhnliche Spielstätte. Gespielt wurde bereits im Theatersaal der neuen Kulturwerkstatt - der sich aber noch im Rohbau befand. Die Zuschauer saßen auf der noch nicht fertigen Bühne, während die Darstellerinnen und Darsteller auf den Tribünenstufen spielten. Diese raue Umgebung machte das Stück zu einem intensiven und einmaligen Erlebnis. Es war ein aufwühlender Theaterabend, der noch lange nachwirkte.

„Tribunal“ gespielt von der Oberstufe, in der noch nicht fertiggestellten Kulturwerkstatt (Foto: Christoph Jorda)
Inklusion
Inklusion ist schon immer ein fester Bestandteil in der Arbeit der Kulturwerkstatt des SJR. Besonders die Gruppe "Blaue Paprika" zeigt eindrucksvoll, wie selbstverständlich gemeinsames kreatives Arbeiten gelingen kann. Die Gruppe trifft sich regelmäßig mit unserem Mitarbeiter Jannis Konrad. In den Proben wird gemeinsam gelacht, diskutiert, gestritten, geweint, gekuschelt - kurz: Hier entsteht ein geschützter Raum, in dem sich alle mit ihren Stärken und Eigenheiten einbringen können.
Die "Blaue Paprika" ist dabei nicht nur eine feste Gruppe innerhalb der Kulturwerkstatt, sondern sie ist auch bei öffentlichen Veranstaltungen aktiv. So gestaltete die Gruppe beispielsweise erneut eine kleine Aufführung beim Sommerfest der Lebenshilfe. Der große Wunsch war es "Heidi" in eine kleine Aufführung zu packen. Beim Sommerfest wurde die Kreativität und Spielfreude der Darstellerinnen und Darsteller wieder deutlich sichtbar, deshalb war es natürlich auch selbstverständlich, dass sie einen Part bei unserer Eröffnung übernehmen sollten.
Darüber hinaus ist es uns natürlich auch wichtig, Inklusion nicht nur auf einzelne Gruppen zu beschränken. Menschen mit Beeinträchtigung sind auch in anderen Projekten und Gruppen der KW selbstverständlich integriert.
Zukünftig möchten wir verstärkt jüngere Menschen mit Beeinträchtigungen ansprechen und in bestehende Gruppen mit aufnehmen. Unser Ziel bleibt es, Inklusion als gelebten Alltag weiterzuentwickeln und allen Teilnehmenden gleichermaßen Raum zur Entfaltung zu bieten. Menschen mit Beeinträchtigungen bringen dabei nicht nur Vielfalt in unsere Arbeit, sondern auch viel gute Laune, Offenheit und Ehrlichkeit. Sie sind ein wertvolles Spiegelbild für uns alle und bereichern die Kulturwerkstatt auf ganz besondere Art und Weise.

„Heidi“ – Auftritt der Blauen Paprika beim Sommerfest der Lebenshilfe